
Die Bieraria Tschlin nimmt sich vier Innovationsfelder vor:
Die neue Flaschenwasch- und -füllanlage führt uns auf den Weg vom Handwerk zum Industriebetrieb. Wir müssen unsere Abläufe mit reproduzierbaren und zurückverfolgbaren Parametern neu gestalten, zum Beispiel
Mit dem Zürcher „Labor Veritas“, dem Schweizer Bierlabor, haben wir ein HACCP-Konzept ausgearbeitet – HACCP bedeutet Hazard Analysis and Critical Control Points, also Gefahrenanalyse und kritische Steuerungselemente – , das uns eine Rückverfolgbarkeit und Reifungsgeschichte für jeden Sud liefert vom Brauen bis zum Abfüllen mit aussagekräftigen Messwerten und Informationen vom Brauen, Gären, Reifen, Füllen, Mindesthaltbarkeits- datum und, wohin diese Abfüllchargen geliefert wurden.
Jeder Sud hat also seine Fiche.
Die Mindesthaltbarkeitsdauer wird deutlich länger, zunächst fünf, später sechs Monate. Wir behalten mehr Rückstellproben als früher, die wir nach mehreren Monaten prüfen und unsere Beurteilung auf dem Sudbericht notieren.
So wird industrielle Erfahrung aufgebaut. Das sichert die Qualität. Dabei halten wir uns an die sehr geeignete Definition:
„Qualität ist Eignung für den erwarteten Zweck.“ Das heisst, wir versetzen uns in die Erwartung
Die neue Maschine lehrt uns also die Qualität zu steigern und gibt uns die Möglichkeit dazu. Vor allem steigt die Lieferbereitschaft enorm. Das haben schon die ersten Wochen gezeigt. Immer waren genügend abholbereite Paletten mit 40 Harassen vorhanden – das sind wohlverstanden jeweils über drei Hektoliter Bier in sauber etikettierte Flaschen. Lieferbereitschaft – also Verfügbarkeit der Biera Engiadinaisa, wenn der Durst kommt – ist Teil der Qualität, wie die vorigen Überlegungen lehren.
Und die längere Haltbarkeit steigert die Wettbewerbsfähigkeit. Jetzt können wir Getränkehändler in der ganzen Schweiz ansprechen. Vorher – mit unseren drei Monaten – sind wir häufig abgeblitzt. Das heisst, jetzt ist eine überregionale Verkaufskampagne fällig.
Im September 2011 hatten wir grosse Freude, dass wir nicht „auf Kalt-Akquisition“ gehen mussten, sondern angesprochen wurden vom Grossverteiler Coop:
Coop nähme gern erfolgreiche regionale Biere in sein Sortiment auf, und so sei Coop auf die Bieraria Tschlin und ihre Biera Engiadinaisa aufmerksam geworden. Ob wir Interesse hätten?
Allerdings gäbe es vier Bedingungen:
Also muss unser Ruf als besondere Brauerei eine Wirklichkeit sein und Wirksamkeit zeigen.
Über Einwegflaschen hatten wir schon mehrfach nachgedacht, ein solches Projekt aber zurückgestellt, bis wir die Mindesthaltbarkeit deutlich über drei Monate brächten. Das können wir ja jetzt mit der neuen Anlage.
Daher ran ans Projekt, eine bessere Gelegenheit gibt’s nicht! – Inzwischen haben wir ja Erfahrung, wie man an komplexe Aufgabenstellungen geht. Allerdings kam viel Neues auf uns zu, auch wenn das Bier unsere bewährte Biera Engiadinaisa sein sollte:
Und so ist’s nun geworden:
Es zeigt sich, dass der Handel die Einwegflasche bevorzugt, weil damit alle Umtriebe mit Retouren und Depot wegfallen, dass aber die Gastronomie die Bügel-Mehrweg-Flasche will, weil das „nostalgisches Lokalkolorit“ am Schanktisch gibt und der Weg zu den Altglassammelstellen lästig ist.
Zusammen mit der längeren Mindesthaltbarkeit – auch unserer Mehrwegflaschen! – haben wir somit ein wettbewerbsfähiges Biersortiment für alle Regionen der Schweiz. Sobald wir die Projekte „Wasch- und Füllanlage“ und „Einweg für Coop“ verdaut haben – ich kann die Mitarbeitenden nicht andauernd durch ein und noch ein Projekt „peitschen“ – , beginnen wir mit der „Eroberung der Schweiz jenseits des nordwestlichen Gebirgskammes“.
Dazu hätten wir recht gern viele Hinweise auf geeignete Händler und Wirte in Ihrer jeweiligen Heimat, liebe Aktionärinnen und Aktionäre!
Das hört sich zunächst sehr vage an. Es gibt Aktionäre, die mit konkreten Geschäftsideen auf uns zu kommen, z.B. ein liechtensteinisches, weltweit tätiges Unternehmen – der Chef aus Karlsruhe in Deutschland ist Aktionär bei uns – macht im Oktober die Jahreskonferenz der 120 globalen Vertreter. Zum Schluss fährt ein Nostalgiezug der Rhätischen Bahn einen ganzen Tag Albulastrecke nach St. Moritz, dann Landschaft Davos und Prättigau, Getränk zu dem, was das RhB-Spezial-Catering anbietet: Tschliner Bier. Vielleicht wird’s der „Schuhlöffel“ zu allen RhB-Zügen. Denn wir gehören doch in den Glacier-Express – oder ?
Ein anderer Aktionär kam mit einer sehr genauen Exportidee – besser, wir entwickeln sie gemeinsam – Näheres kann ich noch nicht berichten. Es kann ein grosses Volumen geben.
Wir gehen regelmässig an die Solothurner Biertage, dieses Jahr auch wieder an die Gourmesse in Zürich. Der Bekanntheitsgrad weit übers Engadin hinaus ist recht gross. Das sieht man auch an den Aktienzeichnungen. Jetzt können und müssen wir das in Menge ummünzen.
Bei der Wiedereröffnung des Bogn in Scuol gibt’s Biera Engiadinaisa, allerdings Offenausschank in Kunststoffbecher, damit’s keine Scherben gibt im Raum mit dem grossen Becken.
All diese Innovationsideen könnten wir nicht in Angriff nehmen, wenn nicht in Tschlin eine Gruppe von initiativen, kreativen, durchhaltewilligen und fleissigen Menschen wäre, denen wir hier ausdrücklich danken. Deshalb steht unter jedem E-Mail des Präsidenten:
Tschliner machen Tschliner Bier in Tschlin.
Manche dieser Mails können auch ’mal recht hitzig sein. Tags drauf schrieb der Kollege: „Jetzt bin ich wieder auf normaler Betriebstemperatur.“ Das bedeutet, wir haben ein Kommunikationsverhalten eingeübt, das uns Unterländern erlaubt, die Bieraria teilweise fernzusteuern. Aber wir sehen uns auch oft hier oben, der Verwaltungsrat fünf- bis sechsmal jährlich, der Präsident ist monatlich sicher einmal da. Wir haben keine Personalfluktuation, die Unternehmenskultur ist stabil.